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Buchtipps




Medien des Monats November 2018

ausgewählt von Maria Fellinger

Buchtipp

Bruder und Schwester Lenobel

von Michael Köhlmeier
Hanser Verlag; August 2018; 544 Seiten;
ISBN: 9783446259928
  Buchtipp

Siebeneinhalb Leben

von Peter Henisch
Deuticke Verlag; August 2018; 128 Seiten;
ISBN: 9783552063808
  Buchtipp

Am Seil

von Erich Hackl
Diogenes Verlag; Juli 2018; 128 Seiten;
ISBN: 9783257070323
         
Der Wiener Psychiater Robert Lenobel - gut situiert und das, was landläufig als erfolgreich gilt - befindet sich in einer Identitätskrise und verschwindet von einem Tag auf den anderen, ohne jemandem ein Wort zu sagen.
Das ist die Ausgangssituation in Michael Köhlmeiers neuem Roman. Lenobels Frau Hanna ist überzeugt, er ist verrückt geworden. Sie ruft seine Schwester Jetti herbei, die aktuell in Irland lebt. Doch bald zerstreiten sich die beiden Frauen. Jetti wendet sich an ihren und Roberts Freund, den Schriftsteller Sebastian Lukasser. Robert meldet sich bei beiden unabhängig voneinander aus Jerusalem, wo er nach den Wurzeln seiner jüdischen Herkunft und Identität sucht.
Aus dieser Ausgangskonstellation entwickelt Köhlmeier die Familiengeschichte, in der Trennungen und Abschiede lebensbestimmend sind. Die mütterlichen Großeltern wurden im KZ ermordet, die väterlicherseits haben in Israel Selbstmord begangen, der Vater hat die Familie früh verlassen, die Mutter wurde durch eine Psychose der Familie entzogen. Was das alles für die einzelnen Familienmitgliedern im konkreten Leben bedeutet und wie es in den Nachkommen - auch in den Kindern der Protagonisten - weiter wirkt, ist eine der spannendsten Fragen in dem meisterhaft, wenn auch streckenweise sehr ausschweifend, insgesamt höchst packend erzählten Romans.
  "Leben Sie auf einem anderen Stern? ... Sehen Sie nicht, hören Sie nicht, was rund um uns vorgeht?"
Mit solchen Worten attakiert ein zunächst Unbekannter den Autor, der auf einer Bank im Wiener Türkenschanzpark sitzt und sich Notizen zu seiner geplanten Autobiographie macht.
Der Autor ist Paul Spielmann - Henisch's Alter Ego und aus anderen Romanen als Erzähler bekannt. Der andere heißt Max Stein und behauptet, die Hauptfigur in Spielmanns (Henisch') Roman "Steins Paranoia" aus dem Jahr 1988 zu sein, als der Fall Waldheim die Gemüter erhitzte.
Es geht um einen Satz, der gesagt werden hätte sollen, aber nicht gesagt wurde. Für Stein ist, was vor 30 Jahren als Hirngespinst eines paranoiden Menschen abgetan werden konnte, mittlerweile zur Normalität geworden. Das will er nicht gelten lassen. Er inszeniert sich als politisches Gewissen des Autors und will verhindern, dass dieser sich in der Harmlosigkeit von Jugenderinnerungen ergeht. Stein verfolgt den Autor, setzt unmissverständliche Zeichen, dass er sich so leicht nicht abschütteln läßt.
Daraus entwickelt sich eine dramatische Geschichte, die wie bei Henisch sehr oft, zwischen Fakten und Fiktion spielt.
  Ein unsichtbares Seil scheint die drei Menschen zu verbinden, von denen Erich Hackl in seinem neuen Buch berichtet und mit dem er einem unauffälligen, wortkargen Menschen ein Denkmal setzt. Wie immer bei Hackl basiert die Erzählung auf authentischen Lebensgeschichten. In diesem Fall auf Erinnerungen der heute 90-jährigen Wiener Ärztin Lucia Heilman. Lucia war elf Jahre alt, als der Kunsthandwerker Reinhold Duschka sie und ihre Mutter Regina Steinig im letzten Moment vor der Deportation durch die Nazis rettete, indem er sie in seiner Werkstatt versteckte.
Mit höchster Genauigkeit beschreibt der Autor in knappen Sätzen, wie sich das Leben der beiden Frauen im Versteck abspielt, wo sie nachts allein in einem Verschlag schlafen und jedes Geräusch vermeiden müssen, wo er sie tagsüber an der Fertigung von Metallgegenständen beteiligt, wie er es schafft, Lebensmittel für alle drei zu beschaffen, aber auch Bücher aus der Leihbücherei, wie gegen Kriegsende die Bomben auf den Werkstättenhof fallen und die beiden wie durch ein Wunder mit dem Leben davon kommen. Hackl berichtet auch darüber, wie die Lebensgeschichten der drei nach dem Krieg weitergehen. Wo Lucias Erinnerung aussetzt, behilft sich der Autor mit vorsichtigen Mutmaßungen.
Ein Buch, das gerade wegen seiner zurückhaltenden Sprache unter die Haut geht.

 

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zuletzt aktualisiert: 6.11.2018  |  URL dieser Frameseite: http://www.goldwoerth.bvoe.at